Über mich
Skizze des Komponisten Simon Barber
Der in Tasmanien (Australien) geborene und in Deutschland lebende Musiker Simon Barber ist ein sowohl sehr produktiver als auch rätselhafter Komponist von Orchester-, Kammer- und Vokalmusik.
Die Aufgabe, über Simons Musik zu schreiben, hat in mir – einem Studienkollegen (wir absolvierten unser Studium an der Tasmanien Musikhochschule zusammen) – ein mulmiges Gefühl ausgelöst. Was ich erlebe, wenn ich Simons Musik höre, ist äußerst vielschichtig und fest verknüpft mit unserer Freundschaft: es fällt mir nicht leicht, dieses Erleben in Worte zu fassen.
Der erste Satz – über den ich tagelang nachdachte! – zeigt bereits, wie schwer ich mich damit tue.
Also, alles begann in Tasmanien: In Simons Musik erkenne ich einen tasmanischen Komponisten. In seinen frühen Werken, als wir noch Unterricht bei unserem Lehrer Don Kay hatten, war sich Simon deutlich der tasmanischen Umgebung bewusst. Frühere Stücke – little kingfisher suite, ocean beach serenade, wave cadences, alum cliffs walking track, um ein paar zu nennen - fördern diesen Eindruck.
Für unseren Lehrer Don Kay war die natürliche Umgebung immer allgegenwärtig und Simon – später auch ich selbst – ließen unsere Musik von seiner Auffassung beeinflussen. Mit der Entwicklung von Simons Musik verschwanden die tasmanischen Titel, aber Überbleibsel sind vorhanden: Vogelgesang ist von den frühen bis hin zu den jüngsten Werken ein ständiges Thema. Das Concerto for Oboe, Clarinet & Windband ist reich an Vogelgesang. Bei der Uraufführung in Hobart (Tasmanien) fiel mir als Dirigent auf, wie sehr das Werk früheren Werken ähnelt – nun aber wirkte die Musik kompromissloser.
Im Jahr 2000 verließ Simon Tasmanien, zog erst nach Südaustralien und dann zwei Jahre später nach Deutschland. Während dieser Zeit hat sich die äußerliche Beschaffenheit seiner Musik geändert. Die Musik ist nicht mehr von den poetischen Überschriften der tasmanischen Werke geprägt, manchmal jedoch durch einen passenden Untertitel geziert. Die neuen Werke sind: Klaviertrio, Klaviertrio II, Gitarrenkonzert, Concerto for Soprano Saxophone & Orchestra, Melodic Variations, Concerto for Oboe, Clarinet & Windband und eine beeindruckende Menge Kammermusik – besonders für die Gitarre.
Simon war immer sehr von der Gitarre angezogen, sie ist sein Hauptinstrument, und die Anzahl seiner Werke für Gitarre als Solo- und als Ensembleinstrument wächst stetig.
Diese Aussage führt mich zum ersten Satz »ein sehr produktiver Komponist« zurück. In unserem Bereich kann dies als Fluch betrachtet werden. Simon ist mit ungeheurer Fertigkeit gesegnet. Seine Inspirationen scheinen ihm mühelos zu kommen – aber dieser Eindruck täuscht: Sie sind Früchte harter Arbeit. Wo viele Komponisten (auch ich) auf Inspiration warten und darauf hoffen, vielleicht ein paar Werke in einem Jahr zu kreieren, ist es Simon immer gelungen, seine Inspiration durch harte Arbeit in Musik umzusetzen. Seine jüngsten Werke zeichnen sich häufig durch ihre Größe aus – im Umfang wie in künstlerischer Tragweite. Und sie sind komplex – Produkte eines hoch entwickelten Geistes.
Hier komme ich auf besagte Rätselhaftigkeit zurück. Während Simon sich selbst als Komponist entfaltet, kam es in seiner Persönlichkeit zu einer Synthese verschiedener Komponenten. Seine Jugendliebe zur Pop-Musik (zweifellos mit der Gitarre verknüpft) ist in neuen Werken wieder zum Vorschein gekommen. Er ist melodisch begabt und scheut sich nicht, es zu zeigen: Die großen Melodien des Saxophon- und Gitarrenkonzerts bezeugen es – Melodien, die man auf dem Nachhauseweg vor sich hin pfeifen könnte. Aber diese eher zugänglichen Elemente sind oft neben extreme Komplexität gestellt und geraten so – beispielsweise beim bennenswerten Schluss des mittleren Satzes des Concerto for Soprano Saxophone & Orchestra – zu angriffslustigen Neuinterpretationen gängiger Ausdrucksweisen.
Der tasmanische Einfluss bleibt durch die Verwendung von Vogelgesang stets spürbar – mir fällt kein einziges Werk ein, das von diesem Element keinen Gebrauch gemacht hat. Klaviertrio II zeigt, wie Vogelgesang als Intermezzo dienen kann; beim Concerto for Oboe, Clarinet and Windband sind Vogelgesänge sowohl Basis als auch strukturelle Gestalter der Musik. Das aus der Studienzeit stammende Bedürfnis, große Komplexität zu schaffen, besteht weiterhin. Das Rätselhafte dabei ist der Eindruck, den dieses Bedürfnis der Musik verleiht: Gefühle spielen eindeutig eine Rolle, erscheinen aber häufig verworren. Ein gutes Beispiel dafür ist das Concerto for Soprano Saxophone & Orchestra, das dem Hörer geradezu eine Achterbahnfahrt abwechselnder Gefühlszustände erleben lässt: Schönheit trifft auf Aggression, leichte Zugänglichkeit auf avantgardistische Komplexität, und zum Schluss bleiben Gefühle verworrener Resignation. Es ist eine außergewöhnliche Reise, die ich vom Herzen empfehle.
Simon Barber ist Komponist für alle musikalischen Gattungen, und komponiert für alle, die Interesse zeigen – seien es Profis, Amateure oder Schüler. Zuletzt möchte ich über eins der Werke für Amateure sprechen: Melodic Variations, für mich und mein Blasorchester im Jahre 2005 geschrieben.
Melodic Variations ist eines der Stücke, deren Simon sich, so wie er mir berichtet, nicht ganz sicher ist. Mir hingegen erscheint es als wirklich bedeutsames Werk. Auf jeden Fall aber ist es ein hervorragendes Beispiel dafür, mit welcher Hingabe er sich der Aufgabe widmet, für Menschen zu schreiben. Es ist nicht das erste Mal, das er fürs Blasorchester geschrieben hat, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Simon hat ein Gespür für das, was das Blasorchester (und der Dirigent!) spielen will und entwickelt dennoch seine unverkennbare Musik weiter.
Wie alle seine neueren Werke ist auch dieses geprägt von einem hohen Maß an Komplexität.
Der erste Satz ist technisch anspruchsvoll aber in zugänglichem Stil geschrieben, durchgehend melodisch, und wird trotz seiner komplexen Form von den Musikern gern gespielt.
Der zweite Satz ist voll von Vogelgesang, schönen Sekundenakkorden (Simons neueste Musik verwendet häufig Sekundenakkorde als harmonische Grundlage) und enthält einen hinreißenden Oboenmonolog. Dieser Satz gehört zu den schönsten, die ich dirigiert habe.
Der dritte Satz zählt zu den schwierigsten, die ich je aufgeführt habe - schwer zu spielen, schwer zu dirigieren und zu proben, und dem Hörer schwer zu vermitteln: Musik, die nicht zur Ruhe kommt. Bei einer Probe arbeiteten wir an dem Satz zwei Stunden – und plötzlich entpuppte sich der Sinn!
Vielleicht ist dies Simons größte Gabe als Komponist: Seine Musik belohnt die investierte Arbeit. Die Musik belohnt diejenigen, die bereit sind, sensibler zu hören und Musiker, die bereit sind, genauer hinzusehen. Eben das soll bedeutsame Musik bewirken, und in Simons besten Werken, zu denen das zuletzt besprochene sicherlich zählt, kommt bedeutsame Musik zum Vorschein.