Anmerkungen
little kingfisher suite (#135)
Gegen Ende 1997 gründeten Simon
Reade und ich das Ensemble ibidem, dessen Mitglieder sich
besonders für neue Musik interessierten. Es war unser Anliegen, dass
auch andere Komponisten für unser Ensemble schreiben sollten. Einige,
wie Don
Kay und Nigel Farley, leisteten großartige und wichtige Beiträge.
ibidem existierte knapp zwei Jahre und gab viele Konzerte in dieser
Zeit. Die für Oboe, Klarinette, Geige und Cello geschriebene little
kingfisher suite nimmt aufgrund ihrer Lyrik und Romantik einen besonderen
Platz in meinem Herzen ein. Ich erinnere mich dabei gerne an die vielen
hervorragenden Aufführungen dieses Stückes durch ibidem.
Wackernheim, Frühling 2000/Chagall Windows (Mainz) (#189)
Wackernheim ist ein kleiner Ort in der Nähe von Mainz. Im Februar 2000
erlebte ich in Wackernheim einen Vorfrühling, der durch die Tempo-Modulation
im ersten Stück geschildert wird.
Während meines Aufenthaltes im Mainz besuchte ich die Sankt-Stephan-Kirche,
um die von Marc Chagall entworfenen Buntglasfenster zu besichtigen. Das
Licht, das durch die von blau dominierten Grundfarben brach, regte mich
dazu an, ein Stück zu schaffen, das ähnliche Farb- und Raum-Qualitäten
vorweist.
Das vorgegebene Tempo für Chagall Windows ist sehr langsam
und sollte am besten in einer Kirche aufgeführt werden, um den Noten
gebührende Resonanz zu verleihen.
Machtspiel (#197)
Dieses Quintett für Flöte, Klarinette, Klavier, Violine und Cello wird
zunächst vom Klavier beherrscht. Allmählich beugen sich die anderen Instrumente
dem Willen des Klaviers, das durch Raffiniertheit fasziniert, jedoch
gleichzeitig zur Ergebung zwingt.
Nach einem Drittel des Stückes fordert das Cello die »Klavierherrschaft«
heraus und schafft dabei Möglichkeiten für die anderen Instrumente, sich
zu entfalten. Das Klavier wird erst wieder in die Gesellschaft aufgenommen,
nachdem die anderen Instrumente sich der eigenen Identität sicher fühlen,
sowie widerstandsfähig gegen Einschüchterung sind.
Das Klavier nimmt fast bis zum Schluss an der »Demokratie« teil: Kurz
vor Ende des Stücks stellt das Klavier im letzten Takt in frecher Weise
die Entschlossenheit der anderen Instrumente auf die Probe. Die anderen
Instrumente machen diesem Machtspiel schnell ein Ende: ein Beispiel des
individualistischen Interagierens im gesellschaftlichen Zusammenhang.
Klaviertrio (#210)
Das Stück wurde inspiriert durch den Frühlingsanfang: das Erwachen
der Natur, Vogelgesang, besonders jener der Amseln. Die Schönheit des
Amselgesanges und die Kraft des Frühlings tragen zu einer optimistischen
Stimmung bei, die durch die Farben, Klänge und Gerüche der Natur gefördert
wird.
Parallel zu dieser Sinnlichkeit entsteht etwas Mystisches, das auf
eine Art Pararealität hinweist. Das Zwischenspiel zwischen Sinnlichkeit
und Mysterium ist der Motor der vier Sätze.
Dieses Werk, zwischen März und Oktober 2003 komponiert, ist Antje gewidmet.
Dieses Klaviertrio stellt einen kompositorischen Durchbruch dar und
gilt wahrscheinlich als mein erstes ausgereiftes Werk. Eine intuitive,
kontrapunktische, durch zunächst getrennte und später wieder zusammengefügte
Stimmsetzung gekennzeichnete Herangehensweise tritt erstmalig im vierten
Satz in Erscheinung.
Concerto for Oboe, Clarinet & Windband (#212)
Das Werk wurde von Simon
Reade für die Hobart City
Concert Band mit den Solisten Renée Badcock (Oboe) und Derek Grice
(Klarinette) in Auftrag gegeben und besteht aus zwei Sätzen.
Der erste Satz fängt extrovertiert an und wird allmählich introvertierter
und abstrakter. Der erreichte Abstraktionsgrad am Ende des ersten Satzes,
in dem Solisten und Orchester improvisieren, formt die Grundlage für
den Anfang des zweiten Satzes, in dem Vogelgesang (Piccolos und Flöten)
einen Oboenmonolog begleitet.
An diesem Punkt stimmt die Klarinette neuen Vogelgesang an. Das Stück
wird durch Tempo und Klarinettensolo extrovertierter; die Begleitung
behält eine gewisse Abstraktion bis zum Schluss bei, wo quasi zur Besinnung
und im Kontrast zum Gewesenen die Solisten Motive aus dem Anfang des
ersten Satzes zitieren.
Melodic Variations (#218)
Nachdem das Concerto for Oboe, Clarinet & Windband erfolgreich
aufgeführt wurde, schlug mir Dirigent Simon
Reade vor, eine Symphonie für Blasorchester zu schreiben.
Die entstandenen Melodic Variations wurden so betitelt, nachdem
ich Ausschnitte aus einem Gespräch mit Goffredo
Petrassi gelesen hatte. Einige seiner Anmerkungen, die ich hier zitiere,
fanden Einklang in mir:
»[in der musikalischen Nachkriegsgeschichte
des 20. Jahrhunderts] sackt das Melodiebedürfnis mehr und mehr ab, karstartigen
Flüssen ähnlich. Seither tauchte es ab und zu jedoch wieder auf, was
heute noch ein Thema ist. Einige Komponisten sind melodisch begabt,
das muss jedoch nicht heißen, dass die Existenz dieser Bagabung gut
und die Abwesentheit derselben schlecht ist. […] Der Akt des Komponierens
lässt sich von der Melodiefrage trennen. Sobald das Thema auftaucht,
wird es quasi durch Zufall gelöst.«
»[Postmodernismus] ist ein Begriff, der
mir missfällt, da er – vielen anderen theoretischen Ausdrücken
ähnlich – nichts besagt und in Werken nachgewiesen werden muss,
was an sich auch nichts von Bedeutung darstellt: Um einer Vorstellung
von Kommunikation treu zu bleiben, verzichtet man auf den Intellekt
und auf das Bedürfnis zu schaffen. […] Die Postmoderne wendet sich an
andere, billigere, verbrauchbare Traditionen, etwas derartiges ist in
der Kunst grundsätzlich verwerflich.«
Dieses Stück ist keine Symphonie, sondern hat sich aus introvertieten
Anfängen durch vertraute Formen hindurch in unbekanntere Zusammenhänge
hineinentwickelt.
Es ist Simon Reade und den Musikern der Hobart
City Band gewidmet.
OUT (#220)
Die einzige Möglichkeit, mich von dem Joch der funktionalen Harmonik
zu befreien, mich jedoch gleichzeitig ihrer Klänge zu bedienen, bestand
für mich darin, Fragmente für beide Instrumente (Gitarre und Marimba)
zu erstellen, sie dann zu vermischen und in dieser Weise das Stück enstehen
zu lassen.
Sich wiederholende Fragmente stellen eine Art »Rückkehr« dar, jedoch
weisen die unterschiedlichen Aneinanderreihungen von Fragmenten jedesmal
einen veränderten Zusammenhang auf; folglich ändern die wiederholten
Teile ihre Bedeutung.
Der daraus entstehende Gesamtausdruck enthält Qualitäten der Entfremdung,
Absurdität und Farce, sowie Momente tragischer Erkenntnis und Schönheit.
Gitarrenkonzert (#224)
Als ich ein Junge war und versuchte, Konzertgitarre zu lernen, wurde
ich ständig von »falschen« Noten, d.h. von Harmonien, die nicht in den
vorliegenden Zusammenhang passten, abgelenkt. Diese Harmonien schienen
den eigenen Zusammenhang zu verlangen, der bei sog. funktionale Tonalität
nicht vorkam. Funktionale Tonalität schien viele für mich interessante
und verlockende Klänge auszuschließen.
Obwohl ich wusste, dass funktionale Tonalität nicht meine letztendliche
»Heimat« war, versuchte ich sie mir trotzdem zu Eigen zu machen. Besonders
während der Studienzeit verliebte ich mich in das System, das die Musik
der größten Komponisten voheriger Jahrhunderte unterstützte.
Im Laufe der Zeit wurde ich wieder von »illegalen« Harmonien abgelenkt.
Dabei wurde mir klar, dass ich die Logik und die von Klängen und Klangmustern
produzierten Gefühle kennen lernen musste, um mit ihnen wirksam umgehen
zu können.
Diese Harmonien passten und passen nicht zu den Prinzipien und Regeln
funktionaler Tonalität. Daher musste ich andere Wege entdecken (zum Teil
erfinden), um die Ausdruckskraft der Klänge zu verstehen, zu bewältigen
und weiterzuentwickeln: Methoden, die sich auf die Klänge, deren Logik
und auf die durch sie produzierten Gefühle beziehen. Gleichzeitig musste
ich lernen, der Versuchung zu widerstehen, ein neues System zu schaffen,
etwa wie Zwölftonmusik oder Anspielungen auf die unterschwellige Dynamik
tonaler Musik.
Dieses Stück stellt meinen jüngsten Versuch dar, Musik zu schreiben
wie ich sie spüre, ohne dem Zwang eines Systems, das eigene Gefühle und
Erfahrungen zensiert und verfremdet, ausgeliefert zu sein.
Concerto for Soprano Saxophone & Orchestra (#227)
Folgendes habe ich als Antwort auf eine E-Mail am 6. Mai 2006 geschrieben:
Ich habe mir lange überlegt, wie ich mit der Komposition überhaupt
weitermache. Im Grunde genommen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass
ich nur gefühlte Klänge niederschreiben kann und sonst nichts: keine
überflüssige Entwicklung, keine penible Ausarbeitung und – keine
roten Fäden!
Um ehrlich zu sein, wenn ich einen Einfall bekomme, sollte ich ihn
einfach nur niederschreiben und gar nicht erst versuchen, ihn weiter
zu entwickeln. Ich sollte lediglich den Einfall Einfall sein lassen und
mich nach dem nächsten umsehen.
Anzeichen dafür gibt’s im letzten Satz des Saxophonkonzertes – hauptsächlich deswegen funktioniert es. Diese Verpflichtung, handwerkliche
Fertigkeiten vorzuzeigen, z.B. erkennbare Motiventwicklung …! Um Gottes
Willen, wie viel belangloses Zeug ich runtergeschluckt und geglaubt habe,
ohne die wirkliche Beschaffenheit der eigenen Musik (oder meiner selbst)
zu verstehen.
Es gibt keine Logik im Sinne von roten Fäden, die durchs Leben laufen
– eher gibt es spontan entstehende Ereignisse in einem vorübergehenden
Zusammenhang, die sich nur für kurze Zeit gegenseitig beeinflussen. Logik?
Eine Erfindung. Offenbart nichts. Eine kluge Diskussion um ein Thema
herum, das man weder erkennt noch versteht.
Die chaotische Spontaneität des Lebens auszudrücken ist dessen
Sinn. Logik an sich ergibt keinen Sinn. Die Einleitung von Thema, Entwicklung
und Wiederholung drückt eine Art Logik, jedoch keinen Sinn aus. Sollten
Dinge sich wiederholen, mache ich ihnen kein Ende, aber ich verfolge
sie auch nicht gezielt …
Aufgelöste Ketten (#256)
Professor Klaus-Jürgen
Schneider bat mich, ein Zugabestück für seine Kinder, die als Berufsmusiker
in Deutschland und der Schweiz arbeiten, zu schreiben. Aufgelöste
Ketten verbirgt keine links eingestellte politische Botschaft,
wie schon von manchem in den Titel hineingelesen wurde. Mich interessierte
dabei eher die Schaffung, Auflösung und Umgestaltung von Strukturen;
ähnlich wie die Umgestaltung innerhalb der DNS über Generationen hinweg.
Amphitheater (#257)
Die Zusammenstellung von Balalaika, Vihuela, Laute, Gitarre und Bass-Balalaika
hat in mir unterschiedliche Phantasievorstellungen von vergangenen Epochen
ausgelöst. Ich stellte mir ein umgedrehtes Amphitheater vor, in dem sich
das von den fünf Instrumenten umgebene Publikum im Mittelpunkt befindet.
Das Stück wurde als intimes Erlebnis erdacht, für einen bis drei Zuhörer
– oder vielleicht sogar nur für einen einzigen mit Kopfhörer versehenen.
Mosaic zeigt deutlich, wie die drei Sätze zusammengesetzt
wurden. Die Stimmen der einzelnen Instrumente wurden isoliert voneinander
geschrieben, Fragmente sowie ausgedehnte Phrasen ausgeschnitten und erst
beim Komponieren neu zusammengestellt. Dabei wurde meistens kaum die
Hälfte von dem, was entworfen wurde, verwendet.
Es wäre falsch, diese Vorgänge als vereinzelte aleatorische Versuche
auszulegen – sie stellen eher weitere Schritte bzgl. meiner kontrapunktischen
Entwicklung dar, die sich bewusst mit Zufall und Absicht auseinandersetzen.
Es geht mir dabei nicht – wie etwa bei John
Cage – um das Abstellen meines Egos, sondern vielmehr um dessen
wirkungsvollsten Einsatz.
Der Titel und der beabsichtigte Ausdruck des Stückes Phosphoreszenz stammt
von Blumen, die im Abendlicht leuchten.
CUT (#292)
Längere Zeit haben mich Vierteltöne und Multiphonics fasziniert. Infolge
meiner Beschäftigung mit Klängen (anstatt der mit Harmonie-Systemen)
und der fortwährenden Entwicklung meines intuitiven Kontrapunkts schreibe
ich Musik mehr und mehr auf eine Art wie ich sie mir immer vorgestellt
habe. Mir sind bisher keine vergleichbaren Herangehensweisen bekannt.
CUT entsprang dem Wunsch, einen Beitrag zum Bassklarinettenrepertoire
zu leisten, und hat das Interesse von Spielern wie Harry
Sparnaay, Henri Bok und Derek
Grice erweckt.
Nietzschelieder (#293)
Die Idee, Gedichte von Friedrich
Nietzsche (1844–1900) zu vertonen, kam mir während der Lektüre seiner
Werke, mit der ich Mitte 2006 begann. Mir wurde nicht sofort klar, wie
eine Vertonung zu bewerkstelligen wäre, also vereinfachte ich mir die
Aufgabe, indem ich mich des Buches Twentieth-Century German Verse bediente.
Nietzsche erschien dort als erster Eintrag mit vier Gedichten. Der im
Buch erscheinenden Reihenfolge nach fing ich sofort an, die vier Gedichte
zu vertonen.
Diese Lieder stellen nicht nur meinen Wunsch, Nietzsche zu ehren, dar,
sondern bezeichnen auch eine überfällige Rückkehr zu der Zusammenarbeit
mit Musikern – eine Erfahrung, die mir seit der Studienzeit meist
gefehlt hat. Mein zutiefst empfundener Dank gehört Antje
Barber (Stimme) und Oliver
Grünwoldt (Klavier) für ihre Mühe, die Lieder ins Leben zu rufen,
sowie Lothar Samide, der
diese Aufnahme technisch ermöglichte.
Wir hoffen, demnächst eine Uraufführung dieser Lieder innerhalb eines
literarischen Abends realisieren zu können.
Killing the Intelligence (#294)
Seit Jahren schwebte es mir vor, ein Streichquartett zu schreiben.
Jedoch kam es nicht zustande, da ich mich nicht aufraffen konnte, mich
mit dieser Form nur um ihretwillen auseinanderzusetzen, obwohl viele
bedeutsame Komponisten wichtige Werke für diese Gattung geschaffen haben.
Ich hegte den Wunsch, die Brillanz der Streichinstrumente auszunutzen,
ohne auf hierarchische Strukturen – wie z.B. zwischen erster und
zweiter Violine – Rücksicht zu nehmen.
Ein mir nahe liegendes Vorbild zur Zusammenstellung eines zeitgenössischen
Streichquartettes ließe sich in den Werken Elliott
Carter finden. Durch die Art und Weise, in der sich andere Komponisten
wie Webern, Hindemith, Schnittke und Ferneyhough mit
der Gattung des Streichtrios beschäftigten, wurde ich dazu angeregt,
einen Versuch in diese Richtung zu machen, zumal mir diese Besetzung
zeitgemäßer vorkam als die des Streichquartetts.
Das Stück wurde auf zwei unterschiedliche Weisen gestaltet: es gibt
Stellen, die auf traditionelle Art erbaut wurden (d.h. Stimmen wurden
gleichzeitig erstellt und aneinander angepasst), sowie Stellen, in denen
einzelne Stimmen nacheinander geschrieben und zusammengestellt wurden
– woraus sich neue Zusammenhänge, Reibungen und Auflösungen ergeben.
5 Divertimenti für Altflöte & Harfe (#296)
Diese Stücke entstanden als Ablenkung sowohl vom Komponieren als auch
von den damit verbundenen musikalischen und ästhetischen Schwierigkeiten,
die in meinem Leben zu dieser Zeit allgegenwärtig waren.
Das, was dabei herausgekommen ist, besteht aus Altem und Neuem – traditionelle, folkloristische und moderne Züge sind präsent. Nach meinem
Empfinden wirkt das Ergebnis unbeabsichtigt zeitlos.
»In der Musikwissenschaft nennt man den
Ton, der durch die Schwingung der gesamten Monochordseite entsteht,
den Grund- bzw. Schlüsselton. Alle Töne streben nach der Auflösung im
Grundton. Zu diesem Ton streben alle Töne zurück. Das wußten auch die
Komponisten der klassischen Musik, die ihre Zuhörer, vom Grundton ausgehend,
über eine Reihe von Akkorden letztendlich wieder zum Grundton zurückführen.
In ihren Kompositionen spiegelt sich der Schöpfungsmythos wider. Moderne
Komponisten dagegen suchen nach neuen Wegen des Hörens. Sie brechen
mit den traditionellen Harmonien und überlassen dem Zuhörer diese Auflösung.«
(Aus: Heilen mit Musik und Klang von John Beaulieu)
At the Limits of Entropy (#308)
Antje: Was heißt »entropy«?
Simon: Weiß nicht, bin Künstler und kein Wissenschaftler.
Antje: Du bist nur zu faul, es zu erklären – gib’s zu!
Simon: Haste recht!
Mein Unvermögen, Antje Entropie zu erklären, obwohl mir die Erklärung
innerlich klar war, stellt in gewisser Weise ein Beispiel von Entropie
dar.
Anbei zwei Ausschnitte aus dem Vorwort von Ernst Peter Fischer zur
achten Auflage von Erwin Schrödingers 1944 veröffentlichten Buch Was
ist Leben?:
»Karl Popper hat einmal die Vermutung geäußert,
dass der Grund für Bolztmanns Selbstmord etwas mit einem Problem der
Physik zu tun hätte, das er nicht lösen konnte (Popper, 1979). Es ging
dabei um den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der mit Hilfe einer
Funktion namens ›Entropie‹ beschrieben werden kann […, die] etwas über
die fehlende Ordnung eines Systems aussagt.
Der zweite Hauptsatz konstatiert, dass die Entropie immer zunimmt.
Dies ist uns aus dem Alltag auch geläufig, schließlich nimmt in jedem
physikalischen System, das sich selbst überlassen bleibt, das Durcheinander
zu. Aus Ordnung wird spontan Unordnung. Bei Lebewesen hingegen scheint
der zweite Hauptsatz nicht zu greifen [...] Boltzmann, der Darwins Erkenntnisse
bezüglich der Evolution als wichtigste Entdeckung seiner Zeit feierte,
sah hier schwierige (aber lösbare) Probleme für seine Wissenschaft voraus,
und er wusste, daß sein Vorschlag, den Daseinskampf der Lebewesen als
ein Ringen um Entropie zu bezeichnen, die durch den Energiefluss von
der Sonne zur Erde verfügbar wird, nur die Oberfläche der Schwierigkeiten
illustrierte (Boltzmann, 1979).«
»Das Problem der Ordnung ist heute von
einem sehr allgemeinen Ansatz her begreifbar geworden. Leben steht nicht
mit den physikalischen Gesetzmäßigkeiten in Konflikt. Den Arbeiten von
Ilya Prigogine und seiner Gruppe verdanken wir die Erkenntnis, dass
Leben nur weit entfernt von einem thermodynamischen Gleichgewicht möglich
ist. Wenn unter diesen Bedingungen die Produktion von Entropie minimal
wird – so konnte Prigogine zeigen –, dann entsteht Ordnung,
dann bilden sich sogenannte ›dissipative Strukturen‹ (Prigogine und
Stengers, 1980).«
Dieses Stück drückt eine tief empfundene Sinnfrage in mir aus; das
Zusammenstoßen sowie geheime Interagieren verschiedener Energien, die
weder nach einfachen Auflösungen suchen, noch beabsichtigen, Erfahrungen
im Nachhinein verständlicher zu gestalten. Das Stück wurde aus einfachen
Mitteln zu einem komplexen Ganzen zusammengewoben.
Streichquartett (#302, #321.1 jetzt #325.1)
Nachdem sie sich die Wiedergabe zweimal angehört hatte, meinte Antje,
dass das Streichquartett »fast so elegant wie eines von Elliott
Carter« wäre. Mit »fast« hat sie Recht. Sie meinte auch, dass mein
Stück dichter wäre. Stimmt. Ich dachte bereits, es wäre vielleicht zu dicht – Yun hatte
in seiner Anfangsperiode seine Musik in ähnlicher Weise kritisiert.
Ich muss der Musik ihre eigene Entwicklung überlassen. Ich habe oft
das Gefühl gehabt, dass meine Musik zu dicht gewoben sei, gerade weil ich
zu sehr an den Zügeln gezogen habe. Die dabei verausgabte Energie kompromittierte
den Gesamtausdruck in hemmender Weise.
In vielen der jüngsten Stücken – bis hin zu Killing the Intelligence – hatte ich den Ausdruck mittels meiner Zufallsherangehensweise (Synchronicity)
eingeengt, letztendlich verlor ich jedoch das Interesse daran. Technik
sollte nicht die Ergebnisse bestimmen.
Seit 2003 habe ich Versuche mit einer Art »Antitechnik« gemacht und
spannende Ergebnisse erzielen können. Doch ein tiefes Gefühl der Befriedigung
blieb aus. Im Nachhinein brauchte ich eine sechsmonatige Pause, um Abstand
zu gewinnen und eben der Komponist zu werden, der ich immer hatte werden
wollen.
Natürlich sind die Einflüsse anderer Komponisten nachzuweisen. Auch
J.S. Bach war noch als gestandener Komponist beeindruckt von Antonio
Vivaldi. Daher betrachte ich dieses Werk nicht als Lehrstück.
Nach der Fertigstellung des ersten Satzes (ehemals Werk 302, 321.1 nun Werk
325.1) wurde mir klar, dass ich noch einen Satz schreiben wollte, der
eher die einzelnen Stimmen des Quartettes hervorheben soll. Der zweiter
Satz (Werk 325.2) fängt mit einer Fortsetzung der Cello-Stimme aus dem
ersten Satz an.
Es sollte fast ein Jahr dauern, bis der zweite Satz fertig wurde. In
der Zwischenzeit schrieb ich andere Stücke, nahm viel andere Musik auf – mitunter Rockmusik mit meiner geliebten E-Gitarre (Stratocaster) – und vergaß eine Zeitlang den zweiten Satz. Jedes Mal, wenn ich wieder
zufällig auf ihn stieß, zweifelte ich daran, dass er irgendwann fertig
würde.
Nachdem ich zwei Stücke für Simon
Reade in kurzer Zeit geschrieben hatte – Blechbläserquartett und interaction – wurde mir die Richtung meiner musikalischen Sprache wieder klar. Daher
konnte ich den zweiten Satz wieder aufgreifen und beenden. Es soll ein
dritter Satz folgen.
Der dritte Satz hat sich zwischen Terminen langsam entwickelt und bekam während der Weihnachtsferien seinen letzten Schub. Mit der Fertigstellung des Satzes, besonders mit seinen Schlüssen und neuen Möglichkeiten, bin ich zufrieden. Glücklich machte mich vor allem, dass es ein Prozeß der Klangformung und nicht nur ein Prozeß der Problemlösung war.
Blechbläserquartett (#319)
Bei diesem Stück geht es um Herausforderungen.
Die wechselden Taktarten und Tempi sowie das komplexe kontrapunktische Gewebe spiegeln einen Zusammenhang wider, in dem es darum geht, flexibel und anpassungsfähig zu sein. Das Stück entwickelt sich rasch in ständiger Verwandlung, Schnelligkeit durchsetzt mit ruhigen Abschnitten der Erholung und der Besinnung: eine Darstellung des Stadtlebens.
Ein Buch von Mischio Kaku – Die Physik des Unmöglichen – regte mich während des Komponierens dazu an, genauer die eigenen Annahmen zu hinterfragen bzgl. dessen was möglich und unmöglich sei.
Das Stück wurde während meines Urlaubes in Pottenstein, Franken, im Juni 2009 vollendet.
interaction (#320)
Im Juni 2009 besuchte mich Simon
Reade in Berlin. Wir gingen zu einem Konzert in der Philharmonie, wo Pierre Boulez sein Stück Notations für Orchester dirigierte. Wir hatten Plätze unmittelbar hinter den Percussion. Meine Sinne reagierten mit Begeisterung auf die aufblühende Harmonien. Während seines Besuches schlug Simon vor, ich könne ein kurzes Stück für Blasorchester mit dem Character eines Aushängestückes schreiben. Simons Besuch, unsere Unterhaltungen und Notations für Orchester von Pierre Boulez regten mich dazu an, interaction zu komponieren.
ICARUS, once upon a paradox (#86, jetzt #322)
Im ersten Jahr meines Kompositionsstudiums – 1995 – fragte
ich Shayn McCallum, den ich einige Jahre zuvor während eines geisteswissenschaftlichen
Studiums kennengelernt hatte, ob er daran interessiert sei, gemeinsam
mit mir Songs zu schreiben. Er hatte nichts dagegen. Also schrieb ich
circa alle zwei Wochen Gitarrenmusik und besuchte ihn zu Hause zwecks
Vorstellung und Übergabe einer Aufnahme der Musik, damit er dazu Texte
schreiben konnte. Die Zusammenarbeit dauerte zwei Jahre, in denen 36
Songs entstanden. Einen der Songs bearbeitete ich 1996 für Chor; diese
Fassung blieb bis heute unbeachtet.
Vor einigen Wochen wurde ich von Simon
Reade gebeten, ein Stück für seinen Chor zu schreiben, ich hatte
jedoch Mühe, Gedichte zu finden, die mich inspirierten. Nachdem ich
gestern einige Gedichte u.a. zum Thema Sisyphos gelesen hatte, schossen
mir heute morgen beim Joggen andere griechische Archetypen durch den
Kopf. Da erinnerte ich mich an Shayns Texte. Heute überarbeite ich mein
vergessenes Chorstück, zu dem Shayn und ich vor 14 Jahren den Grundstein
gelegt hatten.
happiness (#324)
Halves
The ones who last are the ones that cry
The ones who leave are the ones who lie
The ones who aspire count those on their team
The ones with heart count only on dreams
The ones who cry are the ones that laugh
The ones that lie are counting on halves
All I need
In time
All we want
We decide
Text: Rohan Price
Halbes
Die weitermachen, sind jene, die weinen
Die verlassen, sind jene, die lügen
Die emporstreben, zählen auf jene, die sie brauchen
Die mit Mut, zählen nur auf ihre Träume
Die weinen, sind jene, die lachen
Die lügen, verlassen sich auf Halbes
Alles, was ich brauche
Mit der Zeit
Alles was wir wollen
Entscheiden wir
Übersetzung: Andreas Borutta
blackhole wake (#326)
I have been down no roads at all
Just circles in the sand
Fleeting and repeating
My servitude on demand
I have been down roads that eat you alive
Spit out the bones when you arrive
I quit running the race I would win every year
Sheer madness, they said
I was put here to win
The more I chase what is lost
The more the future seems to cost
You’d say:
I went for the door
To stay in style
I’d say
I went for more
To be a child
And finding nothing there
I returned to the wild
And left you to worship survival
I have been down a lonelier road before
The only road open to me
I am not letting this one get away
Not because I took the cold for this luck
But because your lack of warmth has lost its grip
Text: Rohan Price
seven sketches for choir (#327)
Die Texte fangen humorvoll und spielerisch an und werden zunehmend humorvoller und zynischer.
Die Musik bewahrt sich durchgehend einen distanzierten, fast heiter-entspannten Charakter.
Jemand meinte, dass die Texte »dada-mäßig« wären.
Jemand meinte, dass die Texte »Quatsch« wären.
Falls es sich um »dada« handelt, ist es eher meine Absicht, etwas zu entdecken als eine Technik zwecks Provokation anzuwenden, gezielt auf monetären Umsatz und Ruhm.
Falls die Texte »Quatsch« sind, so sind sie es vielleicht im ähnlichen Sinne wie es der Surrealismus oder die Psychedelik sind. Hier geht es um Geschmack und starke, möglicherweise dogmatische Auffassungen von Äesthetik.
ich bin für ein breites Spektrum von Sinn und Unsinn empfänglich.
Je mehr ich wahrnehme, desto unsinniger und diskreditierter wird die Wahrnehmung. Davon nehme ich meine eigene Arbeit nicht aus.
seven sketches for choir beinhaltet Erfahrungen. Viele davon würde man nicht freiwillig wählen. Sie stellen Inhalt bereit. Ich wollte den Inhalt nicht zensieren, das wird bestimmt jemand anders tun.
your escapes (#328)
Your escapes
Make you a miracle on arrival
My escapes
Are chasing a sound, a word is drowned
And I bring it to the surface
For no reward
Your escapes
Are handsomely paid
You turn envy into everyone’s slave
He delivers a mojito to your pool
To help you find the groove
Your escapes
Are expected gains
I turn a fact into a little truth
On a beach somewhere it rains
I count drops on my face
Until it is senseless
I set a fact loose
Into a hundred little worlds they call
And ask for another explanation
A thousand more gloss over your page
Escaping life for a moment
But the age rolls on and on
Calling for resignation, or a stronger drink
Facts are hidden
Admissions delayed
Forgetting about tomorrow
Will not allow time to repair
An escape is a break in the weather
Not a new atmosphere
Just an oxygen burst
When you needed facts
A little lift
When you needed to act
Text: Rohan Price
heterophony (#329)
you are a storm at sea
all you have is energy
no witness to behold
no way of being told
that peace is forever yours
you are a crying child
who wants to go home
the day has gone too long
no getting through
there’s one last thing to do
and we are in the car
you are a twenty year old boy
fit with flex and in the fray
using games to cave in the day
you can’t be told
you’ll want to admire this time
when you're old
call me
and we are in the car
you are poet on a lonely arc
coming-to when its dark
seeking caresses and lullaby wine
coming-down every time
leaving your soul in a more remote
starting place
further from peace, more easily fazed
call me… now, it’s serious
Text: Rohan Price
now we're on your side (#330)
loved reading your biz plan
all your wild words
wrapped in golden tan
the profanity of your latest demo
nicely defused
by an explanatory memo
now we’re on your side
good to see
lots of left over malice
we are feeling those riffs
man, you unchain our Alice
kept it cute on family hour
twice the exposure
half the power
saving your dirty electricity
for the bar and grill
you’re a world away
and in a world of pain
but still rockin out
in the ball and chain
strangely unheard
until you throw in a four letter word
now we’re on your side
you can’t let go
forgive or forget
or remember any other kind of debt
you could never be the betrayer
for money is sacred
and you were always the payer
splash it up there for your Friday night friends
now we’re on your side
artless bread (#332)
see a gap in a wall
See a gap in a wall
Trees leafy and tall
Weeds never chipped
Hand in hand
Whoops we nearly slipped
Strappy sandals and printed dress
Yearning summer closer
A need to confess
I know where the path comes out
See a gap in a wall
The animal falls
Wild boar chased into a rain drain
No chance of catch and release
A threat to the peace
It roots at the concrete
Sniffs at the grate
I know where the path comes out
See a gap in a wall
A challenge to routine
Becomes a short cut
Becomes a secret
Becomes a rut
A faster way to get nowhere
I know where the path comes out
Text: Rohan Price
before i started looking
you were the true north
the fastest horse
the friction
the addiction
the oil, the spoils
the sweetest fiction
before I started looking
you were the sunlit water
the uncool daughter
the 1930 penny
the spinning jenny
the wrong faction
the well intended action
before I started looking
you were the vanguard
of the party hard
you became a home owner
the cartridge toner
sticking at dead ends
you had your goal
before I started looking
Text: Rohan Price
forgotten boasters
I used to be patient or so I thought
I took a little comfort in how much was sought
I am holding you now
You're holding me too
My attention tips to someone new
I gave you information
Not promises or hope
I took you to the lake
There’s so much underneath
I took you to the lake
It must be so deep
I took you to the lake
The day is so fine
Now you know
Alle Männer sind Schweine
You gave me temptation
A place to occupy
You wanted a promise
and I had to fly…
A father can be rejected, unconnected
But never wear thin
My final word is a panzerfaust
Through armour of tin
I have my place at the table
And in the thinning crowd
I did my bit
I did just fine
Now you know
Alle Männer sind Schweine
I took you to the lake
There’s so much underneath
I took you to the lake
It must be so deep
I took you to the lake
The day is so fine
Now you know
Alle Männer sind Schweine
Text: Rohan Price